Seit 50 Jahren ist die Propstei Wislikofen Bildungszentrum und Begegnungsort der Römisch-Katholischen Kirche im Aargau. Über 90 Gäste aus Kirche, Politik und Gesellschaft feierten das Jubiläum unter dem Motto «Zukunft Bildung, Zukunft Kirche». Im Mittelpunkt stand dabei weniger der Blick zurück als die Frage, welche Rolle Bildung, Spiritualität und Begegnung für die Kirche der Zukunft spielen.

Durch den Nachmittag führte Guido Estermann, Leiter der Fachstelle Bildung und Propstei. In seiner Begrüssung schlug er die Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart und charakterisierte die Propstei als offenen Ort der Begegnung – für kirchliche wie auch externe Gäste. Gerade die Verbindung von Spiritualität und gesellschaftlicher Wirklichkeit mache ihre besondere Qualität aus und sei etwas ganz Spezielles an dieser Propstei.

Was vor 50 Jahren mit Mut und Weitsicht begonnen wurde, bleibt auch heute aktuell. Kirchenratspräsident Pascal M. Gregor erinnerte daran, dass die damaligen Verantwortlichen nicht einfach Bewährtes weitergeführt, sondern gefragt hätten, was «Zeit und Zukunft» verlangten. Genau diese Haltung brauche es angesichts sinkender Mitgliederzahlen sowie knapper werdender finanzieller und personeller Ressourcen auch heute. «Tradition ist wertvoll, wenn sie Orientierung gibt. Sie wird schwierig, wenn sie verhindert, dass man neue Antworten findet.» Mit der Zusammenführung verschiedener Fachstellen im neuen Zentrum für kirchliche Arbeit und Entwicklung ab Anfang 2027 stellt sich die Landeskirche diesen Zukunftsfragen neu.

Einen spirituellen Blick auf die Bedeutung solcher Orte eröffnete Priorin Irene Gassmann vom Kloster Fahr. Sie beschrieb Klöster und Bildungshäuser als Zufluchtsorte für Menschen, die Ruhe, Orientierung und ein Leben suchen, «das in die Tiefe geht». Gerade in Zeiten von Unsicherheit und Wandel brauche es Räume, in denen Menschen aufatmen und mit ihren Lebens- und Glaubensfragen in Berührung kommen können. «Wir Menschen brauchen Orte, an die wir uns zurückziehen können, wo wir aufatmen und in Sicherheit leben können.»

Wie aus solchen Denk- und Erfahrungsräumen konkretes Handeln entstehen kann, zeigte Elisabeth Burgener, Präsidentin der Caritas Aargau. Christliche Werte würden erst dort glaubwürdig, wo sie im Alltag sichtbar und in konkretes Handeln übersetzt werden. Ein Bildungshaus könne dabei Reflexionsraum, Antreiber und Denkfabrik zugleich sein. «Vielleicht ist es eine der schönsten Aufgaben eines Bildungshauses, Menschen nicht nur zum Nachdenken zu bringen, sondern ihnen auch Mut zu geben, aus ihrem Denken heraus etwas zu machen.» Für die Kirche der Zukunft brauche es deshalb Mut zum Fragen, zum Widersprechen, zu Neuem – und vor allem Mut zum Handeln.

Auch die ökumenische Bedeutung der Propstei zog sich durch den Festakt. Dr. Christoph Weber-Berg, Kirchenratspräsident der Reformierten Landeskirche Aargau, würdigte Wislikofen als offenen Ort, an dem unterschiedliche christliche Traditionen seit vielen Jahren selbstverständlich zusammenkommen. Gerade in einer zunehmend säkularen Gesellschaft sei es wichtig, Verschiedenheit nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung zu verstehen: «Wir dürfen die Verschiedenheit als Reichtum erfahren.»

Synodenpräsident Matthias Schüepp rückte die Gemeinschaft ins Zentrum. Bildung bedeute in Wislikofen weit mehr als Wissensvermittlung: Sie eröffne Horizonte, stärke Eigenverantwortung und schaffe Räume für Dialog, Spiritualität und persönliche Entwicklung: «Gemeinschaft bedeutet, nicht allein zu sein und einander zu stärken, voneinander zu lernen und miteinander die Zukunft zu gestalten.» Die Propstei bezeichnete er als einen wichtigen «Lichtort» im Aargau und weit darüber hinaus.

Den Bogen von 50 Jahren Bildungsarbeit zu den kommenden Herausforderungen schlug zum Abschluss Bernhard Lindner von der Fachstelle Bildung und Propstei. Die Jubiläumsausstellung zeigt die Entwicklung seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und greift Themen auf, die kirchliche Bildungsarbeit bis heute prägen: eine offene und dialogische Kirche, Weltverantwortung, Spiritualität, Gleichwürdigkeit, Vielfalt oder die Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz. Bildung und Kirchenentwicklung seien dabei eng miteinander verbunden. Der Anspruch bleibe, «die befreiende Botschaft des Evangeliums heute lebendig zu erzählen» und damit Menschen und Gesellschaft zu inspirieren.

Die Propstei lebt vom Engagement vieler Menschen. Zum Abschluss dankte Guido Estermann dem gesamten Propstei-Team und Hoteldirektor Samuel Bachofner für ihren grossen Einsatz. Mit viel Gastfreundschaft und Professionalität sorgen sie dafür, dass sich Gäste in Wislikofen wohlfühlen und die Propstei ein besonderer Ort für Bildung, Begegnung und Austausch bleibt.

Musikalisch begleitet von Bernd Vogel am Klavier und Giovanni Barbato an der Geige klang der Festakt beim gemeinsamen Apéro riche aus. So wurde an diesem Nachmittag zugleich erlebbar, wofür die Propstei Wislikofen seit 50 Jahren steht: für Bildung und Begegnung, Spiritualität und gesellschaftlichen Dialog – und für den Mut, Zukunft gemeinsam zu gestalten.